Zielscheibe der Inspiration

Seit ungefähr einer Woche leide ich unter einer saudummen Form von Schreibblockade und arbeite somit an sechs oder sieben Entwürfen gleichzeitig, mit denen ich aber immer noch nicht zufrieden bin. Alle Ideen erweisen sich zur Zeit als zu flach, zu wirr, zu persönlich oder einfach schwer machbar und auch die Formulierungen fließen gerade nicht so gut, alles klingt entweder zu kompliziert oder nicht detailreich genug, ich krieg keine klare Gliederung und keine schlüssigen Abläufe hin. Vielleicht würde mehr lesen und weniger schreiben helfen. Oder einfach ein weiterer Versuch, sich nicht in den vorhandenen Entwürfen festzufahren, sondern was Anderes auszuprobieren. Deswegen hier also aus gegebenem Anlass die besten Orte, an denen man noch am ehesten zur Zielscheibe der Inspiration wird.

1. Unibibliothek

Die Bibliothek im Historicum der LMU ist mein Lieblings-Arbeitsplatz, wenn zu Hause mal wieder alles Mögliche vom Lernen ablenkt. Es gibt eigentlich immer genug Platz, die Bücherregale ringsum verschaffen mir Hoffnung auf Bildung durch Osmose, die riesigen urigen Bäume vor den hohen Fenster erwecken den Eindruck, in einem Baumhaus zu sitzen und meistens ist da drin auch Ruhe. Perfekt um entweder eine Vorlesung nach der anderen nachzubereiten oder trotz der guten Lernkonditionen produktive Prokrastination zu betreiben und einfach nachzudenken. Wenn man Glück hat, wird man auch gleich durch Beobachtung der ganzen Kommilitonen, die entweder hektisch ihre Bachelorarbeit in den Laptop einhacken oder den gesamten Tag auf Facebook verbringen, zu einem Artikel über das Innenleben einer Bibliothek inspiriert – aber darüber kann man sich auch nach den Semesterferien noch Gedanken machen.

2. Bett

Aus Erfahrung kann ich berichten, dass das Gehirn kurz vor dem Schlafengehen viel aktiver ist, als man sich das vielleicht wünscht. Mit dem Ergebnis, dass man im Dunklen wach liegt, einem plötzlich die genialsten Ideen durch den Kopf schießen und man hektisch nach seinem Smartphone greift, um das alles festzuhalten. Nach einigem Herumtasten fegt man dann die Lampe oder noch schlimmer das Glas Wasser fast vom Nachttisch, merkt endlich, dass das kluge Gerät auf dem Schreibtisch liegt, erhebt sich also schwankend und nach dem Lichtschalter tastend vom Bett, entdeckt auf dem Schreibtisch schließlich statt seinem Handy ein Stück Papier und nach einigen Anstrengungen auch einen funktionsfähigen Kugelschreiber und ist nach all dieser Einsatzbereitschaft endlich so weit, dass man seine phänomenalen Gedankengänge dokumentieren könnte. Dummerweise hat während der ganzen Aktion der Körper beschlossen, dass jetzt endlich geschlafen wird, somit die Hirnfunktion auf das Nötigste reduziert und auch das Erinnerungsvermögen drastisch heruntergeschraubt, sodass man planlos und verwirrt vor seinem enthusiastisch erkämpftem Schreibmaterial sitzt. Soviel zum Thema Inspiration kurz vor dem Schlafengehen.

3. Fensterbrett

In München hab ich endlich ein großes Fenster im Zimmer mit einem perfekt an meine Körpergröße angepasstem Fensterbrett, in das man sich ganz wundervoll reinlümmeln kann. Vormittags scheint einem auch noch die Sonne auf die Nase und man kann die Sicht auf die hässlichen Nachbarhäuser oder die hässliche Bundesstraße oder die Hunde im hässlichen Park gebührend bewundern. Und vielleicht kommen einem gleichzeitig auch noch ein paar veröffentlichungstaugliche Ideen, wie zum Beispiel die Erkenntnis, dass Beton hässlich ist. Oder dass faule Hundebesitzer endlich die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner aufklauben sollen, damit die gewissenhaften Hundebesitzer sich nicht über die Klagen und Beschuldigungen der Nicht-Hundebesitzer freuen müssen. Oder dass man als Dorfkind vielleicht nicht gleich mitten in die Hauptstadt Bayerns hätte ziehen sollen.

4. Dusche

Irgendwie kommen einem die besten Ideen in der Dusche. Wenn man gerade schön klatschnass und eingeseift ist und sich noch weniger als im Bett in einer Position befindet, in der man nach einem Stift und Stück Papier hechten könnte. Außerdem ist man (vermutlich, hoffentlich – darauf geh ich jetzt gar nicht näher ein) alleine und hört nichts außer dem Rauschen des Wassers und dem plastischem Geräusch, das beim Auftreffen der Wassertropfen auf den Duschvorhang entsteht. Genau richtig, um von der Muse volle Kanne getroffen zu werden. Es sei denn man wohnt noch zu Hause und teilt das Bad mit drei anderen Familienmitgliedern, von denen sich das Jüngste gerade mitten in der Pubertät befindet und lauthals auf das Recht beruft, die Dusche stundenlang zu blockieren, weil Körperhygiene in den letzten Monaten ganz plötzlich oberste Priorität eingenommen hat. Zack, da hab ich meinen nächsten Artikel: Über das Leben mit einer Pubertierenden und warum sie so viel schlimmer ist, als ich es jemals war. Gott sei Dank bin ich nur noch am Wochenende zu Hause.

Halten wir also fest, dass Inspiration immer dann kommt, wenn man gerade nicht bereit ist und entweder schläft, duscht oder eigentlich was ganz anderes machen sollte. Definitiv jedenfalls nicht, wenn man gerade händeringend vor seinem Laptop sitzt und nach Formulierungen und Feststellungen sucht, sondern sich meilenweit entfernt von einem Stift oder sonstigen Dokumentationswerkzeugen befindet. In diesem Sinne bin ich dann mal draußen. Vielleicht sitzt die Inspiration ja zufällig unterm nächsten Baum und lacht mich gleich aus, dass ich so lange gebraucht hab, um sie zu finden. Miststück.

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