Unmögliches Denken

Ich bin so. müde. Montag war ich von 12 bis 8 in der Uni, gestern von halb 9 bis 8 zwischen Seminar, Bibliothek und außerhalb unterwegs, heute von 10 bis 5 durchgehend Uni. Die meisten Leute sagen jetzt wahrscheinlich, dass ich bloß die Klappe halten soll, weil ihr Stundenplan solche Zeiten bei weitem toppt und ich ja nur Geisteswissenschaften studiere, nichts Ernsthaftes wie Medizin oder Jura, nichts was die Welt braucht, der Aufwand meines Studienganges kann sich gar nicht an dem Aufwand anderer nicht-brotlosen Künste messen. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, schön für euch, trotzdem sind nach dieser noch nicht mal komplett vergangenen Woche meine introvertierten Batterien auf null, wenn nicht sogar im Minus. Das Dumme daran ist, dass ich beim Betrachten der nächsten aber auch der nicht so nächsten Zukunft wenig Hoffnung hab, dass sich daran bald was ändert. Und wer ist Schuld dran? Ich schieb’s mal wieder auf die Gesellschaft im Allgemeinen und das Universitätsumfeld im Besonderen.

Fangen wir mal mit einem aktuellen Beispiel an: Mein dreistündiges Geschichtsseminar über den Ersten Weltkrieg, für dessen Bestehen eine Klausur, ein Referat und eine Hausarbeit verlangt wird und das dafür verantwortlich ist, dass der Arbeitsaufwand für mein Nebenfach den für mein Hauptfach übersteigt. Ich latsche relativ motiviert, aber auch von leichter Panik befallen (Referat für nächste Stunde geht auf mich) in den Kursraum, um nach einiger Zeit festzustellen, dass ich mit meinem schulischen “Vorwissen” und mangelnder Zeit mir freiwillig irgendwas anzulesen in diesem Kurs völlig fehl am Platz bin. Ja, ich kann Ihnen erzählen, was das Attentat von Sarajevo war, der Blankoscheck, die Triple Entente, der Schlieffen-Plan, Kriegsschuldfrage, Fischer-Kontroverse, Versailler Vertrag, Artikel 231 und hoffentlich noch ein bisschen mehr. Nein, ich hab mir in der letzten Woche leider nicht zu Gemüte führen können, wie Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Ferdinand bei Kriegsbeginn so drauf waren, ich habe Christopher Clarks Buch nicht inhaliert, das genaue Datum des Kriegsbeginns wurde noch nicht in meinen Gehirnbahnen verankert (28. Juni übrigens) und mit den Balkan-Kriegen kenne ich mich auch nicht aus. Bin ich jetzt für das (Lese-)Studium der Geschichtswissenschaft ungeeignet? Bin ich zu unmotiviert? Ist es mir einfach egal? Nein, verdammt, ich finde einfach keine Zeit und habe (vielleicht, eventuell, vielleicht auch nicht) ein Leben.

Ein Leben. Das Leben. Was ist das überhaupt? Im Moment besteht mein Leben aus Studium und dem Versuch, mich selbst davor zu bewahren aus körperlichen und geistigen Gründen abzukratzen. Und ich möchte mal einen Studenten sehen, der jedes Seminar und jede Vorlesung gründlichst vor- und nachbereitet, über alles top informiert ist, ständig 1,0er fabriziert und trotzdem solche banalen Dinge wie essen (kochen?!), schlafen oder Wäsche waschen noch auf die Reihe kriegt. Nebenbei soll man ja auch noch soziale Kontakte und Hobbies und anderweitige Interessen haben, am besten auch eine Beziehung, einen guten Draht zur Familie und als Student am Ende noch ein Nacht-/Partyleben. Wenn’s nach den Stipendiengebern geht, sollte man zudem auch unbedingt eine ganze Latte Praktika und ehrenamtliche Tätigkeiten nachweisen können. Den perfekten Lebenslauf eben.

Was uns gleich zum nächsten Thema bringt. Lebenslauf. Wie’s aussieht überschlägt sich die Y-Generation ja geradezu, um den perfekten Lebenslauf vorweisen zu können. Praktika hier, Ehrenamt da, beste Noten im Abi und im Studium, sinnvolle Nebenjobs (einfach Kellnern weist ja nicht auf das große ganze Ziel am Ende hin, dass wir natürlich alle haben), interessante Hobbies… Und wozu? Um irgendeinem verdammten Arbeitgeber von irgendeiner verdammten Firma die eigene Seele zu verkaufen, indem man ihn davon überzeugt, dass man es wert ist in die Maschinerie der Gesellschaft aufgenommen zu werden, seine Gehirnströme für die Firma hinzugeben und im Gegenzug Sicherung der eigenen Existenz zu bekommen. Dann arbeiten wir den Rest unseres Lebens, damit wir essen und uns, wenn’s gut läuft, Reichtum anhäufen können, solange bis wir endlich sterben. Und das werden wir alle irgendwann. Das soll’s dann gewesen sein? Erst strenge ich mich an, dass mich irgendwer anstellt. Dann arbeite ich bis meine Vergänglichkeit zu Staub geworden ist (und ja, mit Generationenvertrag und alternder Bevölkerung ist das nicht mal allzu überspitzt) – und das war’s dann? Was bringt mir das denn? Kommt das noch irgendwem irgendwie blöd vor? Mal abgesehen davon, dass es bei so einem “perfekten” Lebensstil ein Wunder ist, mit 20 nicht wegen Burnout in der Klapse zu landen!

Ich hab absolut keine Ahnung, wie andere Menschen diesen Druck aushalten. Oder bilde ich mir den Druck ein? Druck, was besonderes, was sinnvolles zu machen, sich selbst zu verwirklichen, ein erfülltes Leben zu haben, Arbeit, Mann (haha), Kind (nochmal haha), Einfamilienhaus am Stadtrand zu haben, ständig irgendwelche beschissenst bezahlten Praktika zu machen, sich den perfekten Lebenslauf zu bauen – wofür? IRGENDWANN KRATZEN WIR ALLE AB!!! Sollten wir nicht einfach das machen, was uns wirklich Spaß macht? Unser Leben so leben wie unser Bauchgefühl uns das sagt und nicht wie die gesellschaftlichen Normen es diktieren? Klar, wenn’s einem Spaß macht im Büro zu arbeiten, mit Ehepartner und Kind aufs Land zu ziehen und jeden Urlaub in Italien zu verbringen – dann macht das halt so! Aber es muss doch auch noch irgendwas anderes geben für diejenigen, die die verdammten Konventionen und Normen und Erwartungen satt haben und einfach nur ihr Leben leben wollen. Wann kriegen wir’s endlich hin, die gesellschaftlichen Scheuklappen abzunehmen und uns selbst zu erfinden – und dabei nicht nur aus dem zu schöpfen, was uns von der Welt auf dem Silbertablett präsentiert wird, sondern weiter zu denken, das “Unmögliche” zu denken, einfach unmöglich zu denken.

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