Gegenmeinung zur Meinung

“Filipp Piatov (24) wurde in Sankt Petersburg geboren und kam mit seinen Eltern als Kind nach Deutschland. Er studiert Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt am Main und arbeitet in Berlin. Im Dezember 2015 erscheint sein erstes Russlandbuch bei dtv” (Quelle)

Anscheinend hatte der gute Herr neben dem anspruchsvollen Studium der Wirtschaftswissenschaften, dem Pendeln zwischen zwei deutschen Metropolen und dem Schreiben seines eigenen Buches nebenbei noch Zeit mal eben einen Artikel in der Welt zu veröffentlichen, bei dem mal wieder die alte Debatte über die Studiums- und Berufswahl im Allgemeinen und dem Nutzen von geisteswissenschaftlichen Fächern im Besonderen angeschnitten wird. Die Thesen Piatovs sind klar: Wer Geisteswissenschaften studiert und hinterher keinen Job bekommt, ist selber schuld. Schließlich hatten wir alle bei der Studienwahl die Gelegenheit, uns den Bedürfnissen des Markts und der Wirtschaft anzupassen und eben was “Vernünftiges” zu studieren. Die Trottel, die sich trotzdem für ein geisteswissenschaftliches Studium entscheiden, haben laut Autor vor allem das Bedürfnis, sich selbst zu verwirklichen und sich bloß nicht dem Mainstream anzupassen, außerdem behaupten sie ganz “pseudoideologisch” von sich, nicht viel Geld zu brauchen, um glücklich zu sein, und obendrauf bringen sie Jura- und BWL-Studenten angeblich nur Vorurteile und Arroganz entgegen. (Diese Sichtweise ist natürlich völlig objektiv, repräsentativ und frei von Vorurteilen.) Am Ende seiner Ausführungen beschließt Piatov, dass nur “ganz bodenständig die Finanzen wählen” anstatt sich “romantischen lllusionen hinzugeben” zu einem erfolgreichen Leben im harmonischen Einklang mit der hochgelobten deutschen Wirtschaft führt.

Nach dem Lesen dieses hochintellektuellen Artikels ziehen jetzt verständlicherweise sämtliche Historiker, Germanisten, Amerikanisten und Anglisten, Komparatisten, Ethnologen und Theaterwissenschaftler in Erwägung “das sinkende Geistesschiff zu verlassen”, wie ein Kommilitone es so treffend ausgedrückt hat, alles hinzuschmeißen und sich sofort bei einem Studiengang einzuschreiben, der auch ganz sicher der Wirtschaft Deutschlands dient. Schließlich winken beruflicher Erfolg und vielleicht sogar eine eigene Publikation beim dtv (und mit 24 nicht vielleicht auch ein bisschen Burn Out?), wenn man sich widerstandslos der Wirtschaft verkauft und ganz mainstream alle seine Fähigkeiten zum Vorteil des Marktes ausrichtet. Pfeifen wir also auf Selbstbestimmung, Selbstfindung und Selbstverwirklichung! Solche romantischen Illusionen sind schließlich nur narzisstische und wirtschaftsschädigende Pseudoideologie, Geld ist jetzt der Schlüssel zu einem erfüllten und glücklichem Leben (ach nee, Moment, das ist ja auch eine romantische Illusion), Generation Praktikum schließt sich der Generation der sicherheitsliebenden Spießer an!

Mal Ironie beiseite. Unsere gesamte Gesellschaft ist heutzutage nur auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtet. Das Bildungssystem soll gefälligst möglichst schnell Arbeitskräfte auf den Markt spucken, die dafür sorgen, dass Deutschland wirtschaftlich gut dasteht und die Rente der älteren Generation finanziert wird. Für Herrn Piatov würde das jetzt natürlich viel zu idealistisch klingen, aber sollte Bildung nicht stattdessen eigenständige Denker hervorbringen? Individuen, die ihrer Umwelt kritisch gegenüber stehen und sich nicht gehorsam in den wirtschaftlichen Trott der Gesellschaft einreihen lassen? Gerade das lehren doch die Geisteswissenschaften! Weltbilder werden aufgezeigt und hinterfragt, Weiterdenken ist angebracht, auch mal über den Tellerrand hinaus. Unsere Gesellschaft und die Wirtschaftlichkeit sind nichts als eine Ideologie, ein Weltbild, ein menschliches Konstrukt. Wer sagt denn, dass unser gesamtes Leben ausschließlich der Wirtschaft dienen soll? Studium, das heißt Bildung, sollte den Einzelnen persönlich bereichern – und das nicht unbedingt nur auf eine materialistische Art und Weise. Nicht jeder braucht finanzielle Sicherheit, um glücklich zu sein. Glück überhaupt an Geld oder Wirtschaftlichkeit zu messen ist eigentlich total daneben und zeigt, wie sehr diese Gesellschaft manche Individuen indoktriniert hat.

Der einzige vernünftige Punkt, den der Autor macht, ist der, dass beruflicher Erfolg mit einem geisteswissenschaftlichen Studium auch von der Mentalität des Einzelnen abhängt. Die “brotlosen” Fächer schreiben schließlich keinen klaren Berufsweg vor, aber genau das ist doch eigentlich das Schöne dran! Man hat so viel Freiheit genau das zu machen, was zu einem passt und mit dem man sich wohl fühlt, man muss diese Nische nur erstmal finden! Und es soll ja sogar Leute geben, die noch daran glauben, dass man alles Mögliche (und Unmögliche) machen kann, wenn man fest daran glaubt und hart genug dafür arbeitet. Aber das sind ja alles nur romantische Illusionen.

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