Übergriffe in Köln – ein Startschuss?

Oberbürgermeisterin Frau Reker schlägt eine Armlänge Abstand vor, das Internet lässt daraufhin einen Shitstorm los, diskutiert dann aber doch, ob diese Aussage nicht völlig aus dem Kontext gegriffen wurde. Währenddessen frage ich mich, ob die Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof nun das “Ende der Zivilisiertheit” bedeuten oder ob endlich der Startschuss für den Feminismus in Deutschland gefallen ist.

Ich sitze im Fernbus von Mainz nach München. Ich bin todmüde und schlecht drauf, weil ich nach einer Woche Freunde besuchen und Silvester feiern wieder nach Hause fahre. Die Aussichten sind nicht besonders rosig: 6,5 Stunden eingepfercht zwischen Nebel und Regen hinter der kalten Fensterscheibe und Frau mit überdimensionalen Kissen, die ihren blöden, leeren Kaffeebecher im Netz vor meinem Sitz hat stecken lassen. Wir schaukeln der Dämmerung entgegen, mit halbem Ohr höre ich dem Radio zu, bekomme irgendwas von “Köln”, “sexuellen Übergriffen” und “Vergewaltigung” mit. Heilige Scheiße. Im Laufe der nächsten Stunden und Tage erscheinen unzählige Artikel diverser Zeitungen und Blogs auf Facebook, meist mit einem Titel nach dem Motto “So ganz genau wissen wir noch nicht, was in Köln vorgefallen ist, aber wir schreiben mal trotzdem darüber”. Manche Posts sprechen auch von Vorfällen in Hamburg und Stuttgart. Ganz vorsichtig wird erwähnt, dass die Übergreifer möglicherweise nordafrikanischer oder arabischer Herkunft sind, woraufhin sich in den Kommentaren Leute tummeln, die das “Ende der Zivilisiertheit” in Deutschland prophezeien. Schuld daran seien natürlich Flüchtlinge, die “ihre rape culture” in unser hochzivilisiertes, westliches, perfektes Land einschleppen.

Auf die Idee, dass rape culture vielleicht kein ausschließlich ausländisches Phänomen ist, scheint bis jetzt anscheinend noch keiner gekommen zu sein. Vor allem die Männer, die sich über die Übergriffe empören und im gleichen Atemzug dafür plädieren, “die Fluchtis in ein Lager zu sperren”, um zu verhindern, dass in Deutschland ein “arabisches Frauenbild ausgelebt wird”, hätten sich garantiert nicht zu Wort gemeldet, wenn die Täter Deutsche gewesen wären. Überhaupt gäbe es keinen solchen Medienaufstand, wenn nur wenige Frauen inmitten des Silvestergewühls ein Problem bekommen hätten. So ein paar Missbräuche und Vergewaltigungen zwischen Böllern, Raketen und ungesunden Alkoholpegeln sind ja normal.

Aber selbst manche Frauen versetzen mich mit ihren Aussagen über die Übergriffe in Erstaunen. Eine Journalistin vom deutschen Zweig der Huffington Post stellt fest, dass sie sich “auch ohne kriminelle nordafrikanische Asylbewerber als Frau nachts nicht alleine an einem Bahnhof herumtreiben” würde. Und damit sieht sie kein Problem? Wie zum Teufel kann man behaupten, in Deutschland seien Frauen und Männer ganz vorbildlich gleichstellt, wenn sich Frauen offensichtlich nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit frei in der Öffentlichkeit bewegen können, ohne Angst haben zu müssen?

Hier kommt dann auch Frau Reker und die Armlänge Abstand ins Spiel. Völlig egal, ob die Aussage aus dem Kontext gerissen wurde und die Oberbürgermeisterin nur auf bestehende Hinweise der Polizei verwiesen hat, das Problem ist immer noch dasselbe: Frauen sollen ihre eigenen Verhaltensweisen dem Verhalten der Täter anzupassen. Wir sollen keine hohen Schuhe anziehen, um im Notfall schneller fliehen zu können, keine kurzen Röcke, um die Phantasien irgendwelcher Männer erst gar nicht anzuregen, wir sollen nur in Gruppen auf die Straße gehen, auf unseren Alkoholkonsum achten, und, wenn es nach den Kölner Verhaltensrichtlinien geht, nun auch eine Armlänge Abstand zu Fremden halten. Und das nennt sich dann “gesunder Menschenverstand”. Für mich klingt das nicht nach gut gemeinten Ratschlägen, sondern nach einer massiven Einschränkung meiner persönlichen Freiheit und ganz klar nach Beschuldigung der Opfer. Natürlich sind die Täter Schweine etc., aber hätten die Frauen sich mal besser geschützt! Bekäme ein Fuzzi von der  US-amerikanischen Waffenlobby diese Geschichten zu Gehör, würde der garantiert noch hinzufügen, dass das alles nicht passiert wäre, wenn die Frauen bloß bewaffnet gewesen wären.

Einen Augenblick lang dachte ich, dass die Übergriffe vielleicht ein Startschuss für den Feminismus in Deutschland sein könnten. Dass endlich mal ein paar Leute aufwachen und merken, dass Frauen verdammt nochmal immer noch nicht gleichgestellt sind, dass mit unserer Gesellschaft irgendetwas richtig verkorkst sein muss, wenn Frauen nicht auf die Straße gehen können, ohne Angst haben zu müssen. Dass irgendwas nicht stimmen kann, wenn Frauen mit Ratschlägen bezüglich ihres Verhaltens konfrontiert werden, über die sich ein Mann nie in seinem Leben Gedanken machen muss. Aber offensichtlich werden diese schrecklichen Vorfälle mal wieder nur dazu genutzt, um Hass gegen Einwanderer zu schüren. Stattdessen sollte man Deutschland selbst – und wenn man schon dabei ist, auch der ganzen Welt – mal einen Spiegel vorhalten und sich fragen, wie im Jahr 2016 so etwas überhaupt noch passieren kann.

 

WTF, Society?! – Vergewaltigungen und Feminismus

Die Zeit hat neulich ein verdammt gutes Interview mit Rebecca Solnit, der Autorin des Buches Wenn Männer mir die Welt erklären veröffentlicht. Verdammt gut in dem Sinne, dass Ms. Solnit die pauschalisierenden Fragen und teilweise haarsträubenden Ansichten der Leiterin des Interviews, Elisabeth Raether, auf bewundernswerte Weise zerschlagen hat. Ebenso dämlich wie die Fragen war die überhaupt nicht treffende Überschrift des Artikels: “In Amerika geht es brutal zu”. Super. Wieder ein Grund, die USA als rückständiges Land zu bezeichnen, während die Fortschrittlichkeit Deutschlands in den Himmel gelobt wird. Mal abgesehen davon geht es hier nicht um Brutalität in Amerika im Allgemeinen, wie die leicht aus dem Kontext gegriffene Überschrift vorschlägt, sondern um Feminismus, Patriarchat und Gewalt als Resultat der Überlegenheit des heiligen männlichen Geschlechts. Eine weitere völlige Missinterpretation von Frau Raether war die Verurteilung der mangelnden Fähigkeit Solnits in dem persönlichen Interview ihre Thesen klar zu formulieren. Schonmal was von Introversion gehört, Frau Raether? Die Bevorzugung der schriftlichen Kommunikation findet sich sehr häufig bei Introvertierten, die übrigens oft herausragende Schriftsteller sind. Hätten Sie einen Mann genauso beschuldigt, sich in direkter verbaler Kommunikation nicht vernünftig ausdrücken zu können? Ach nein, Moment, das nennt man ja dann die “Schüchternheit eines zurückgezogenen, genialen Künstlers”.

Das thematisch hochinteressante, aber grauenhaft geführte Interview ließ mich darüber nachdenken, ob es zwischen dem Feminismus in den USA und in Deutschland einen Unterschied gibt. Gibt es in Deutschland überhaupt noch so etwas wie Feminismus? Meistens läuft einem der Begriff doch nur in schlecht formulierten Facebook-Kommentaren von irgendwelchen Männern über den Weg. “Och nee, schon wieder sind da ein paar dumme, radikale Feministen unterwegs.” Als meine Mitbewohnerin mich fragte, ob ich mich als Feministin bezeichnen würde und mir dann offenbarte, dass ihr Freund ja ganz schlecht auf solche Leute zu sprechen sei, fühlte ich mich dazu genötigt, zu einem Vortrag über die Notwenigkeit von Feminismus auch heute noch und der teilweise krassen Unterschiede zwischen verschiedenen feministischen Strömungen anzusetzen. Einen Vortrag, den ich nach wenigen Sätzen entnervt abbrach. Erstens, Introversion. Schlechte Fähigkeiten bei direkter verbaler Kommunikation. Soll’s ja geben, Frau Raether. Zweitens, Komplexität des Themas. Vielleicht sollte ich mal ein Essay dazu verfassen und an alle Leute aushändigen, die mir mit ignoranten und schlecht durchdachten Kommentaren zum Thema Feminismus kommen.

Persönlich scheint es mir, als würde sich in den USA viel deutlicher eine feministische Bewegung abzeichnen als in Deutschland. Wessen Facebook News Feed von Blogseiten wie Huffington Post, der absolut genialen Plattform “Amy’s Smart Girls”, von Komikerin und Schauspielerin Amy Poehler ins Leben gerufen, oder (der nicht so genialen Plattform) Buzzfeed überschwemmt wird, merkt schnell, dass nicht nur ziemlich heftig ein demokratischer (im Sinne der Partei der “Democrats”, nicht des politischen Systems) oder “linker” Standpunkt vertreten wird, sondern auch feministische Stimmen häufig zu Wort kommen – endlich! Abgesehen von den Momenten, in denen mir Buzzfeed erzählt, sie könnten aufgrund meiner Beziehung zu Pizza feststellen, auf welchen Typ Mann ich stehe. Wenn Google heutzutage meinen Standpunkt bestimmen kann und mich darauf basierend auf Restaurants in der Nähe aufmerksam macht, dann sollte Buzzfeed doch bitte in der Lage sein, aufgrund meiner Facebook-Likes und Internetrecherchen festzustellen, dass Männer mich in dieser implizierten spezifischen Art und Weise einen – pardon – Dreck interessieren! Ich schweife ab. Wir waren beim Feminismus in den USA. Mein Punkt ist, ich bin in den deutschen Sphären des Internets bisher nicht über solche oder ähnliche Veröffentlichungsplattformen gestoßen. Gibt Deutschland sich einfach damit zufrieden, sich mit einer weibliche Kanzlerin brüsten zu können (während Hillary Clinton im Jahr 2015 dafür kämpft, die erste Präsidentin der USA zu sein) und kurzzeitig mal über die Frauenquote diskutiert zu haben? Feminismus und Gleichstellung sollten ernsthaft Einzug in den alltäglichen Diskurs halten, und zwar nicht nur dann wenn sich ein paar dumme, radikale Feministen sporadisch über die gläserne Decke oder Gehaltsunterschiede aufregen.

Ein Hauptthema des Interviews und auch des Buches von Ms. Solnit sind Vergewaltigungen. Während Elisabeth Raether immer wieder darauf pocht, dass Frauen angeblich Vergewaltigungsfälle erfinden und den Männern anhängen, macht Rebecca Solnit deutlich, wie die Gesellschaft (also eigentlich das Patriarchat) Frauen zum Schweigen bringen will, indem sie als nicht zurechnungsfähig dargestellt werden. Frau Raether spricht auch “rape culture” an, ihrer Meinung nach ein Begriff dafür, dass Vergewaltigungen junger Frauen an amerikanischen Universitäten zu oft vorkommen. Glaubt die gute Frau im Ernst, dass rape culture nur ein Phänomen in der von der Außenwelt abgeschotteten universitären Seifenblase darstellt?! Vergewaltigungen betreffen ALLE Frauen. Auch diejenigen von uns, die das Glück haben nicht – oder noch nicht (Schauder) – direkt und physisch von diesem gesellschaftlichen Problem heimgesucht worden zu sein. Ich kann und will mir im Detail auch nicht vorstellen, wie eine Vergewaltigung das Leben einer Frau beeinflusst. Nicht nur muss sie mit einer eventuellen Schwangerschaft und am Ende vielleicht noch einer Abtreibung zurecht kommen, sondern auch den Rest ihres Lebens mit den psychischen Folgen leben und obendrein wird sie von der Gesellschaft als Opfer und manchmal sogar als “selber schuld” stigmatisiert! Währenddessen kommt das Arschloch, das ihr das angetan hat, im schlimmsten Fall mit einer Freiheitsstrafe von nur ein paar wenigen Monaten oder im besten Fall mit ein paar Jahren Knast davon!

In der siebten Klasse feierte eine Freundin von mir ihren Geburtstag mit einer Zeltparty in ihrem Garten. Nachts lagen wir zu fünft nebeneinander unter dem dünnen Stoffdach und eine sagte plötzlich in die Stille hinein: “Ich hab so Angst davor, vergewaltigt zu werden.” Wir waren 13 Jahre alt, verdammt nochmal! Warum muss sich ein Mädchen in dieser doch so fortschrittlichen, westlichen Gesellschaft mit 13 Jahren ernsthafte Gedanken darüber machen, dass sie Opfer eines so furchteinflößenden Gewaltverbrechens werden könnte? In Deutschland werden pro Jahr durchschnittlich 7.700 Frauen vergewaltigt, anders ausgedrückt ist das eine Vergewaltigung alle 68 Minuten (Quelle). Die USA haben offensichtlich ein Problem mit der Ermittlung dieser Werte. Der U.S. Census Bureau zählte im Jahr 2010 188.000 Opfer, das Center for Disease Control and Prevention 1,3 Millionen, der FBI berichtete von ca. 85.000 Fällen (Quelle). Wie hoch die Zahl auch sein mag, erstens reflektiert sie nicht wie viele Vergewaltigungen nicht zur Anzeige gebracht werden und zweitens: DAS SIND SCHLICHT UND EINFACH ZU VIELE!

Der Grund für Vergewaltigungen? Laut Rebecca Solnit das autoritäre – oder nennen wir es ruhig überhebliche – Denken einer Gruppe, mehr Rechte zu besitzen als Andere, und somit ein Recht ÜBER Andere zu besitzen. Im konkreten Fall also die Überzeugung, Frauen wären minderwertig und frei verfügbare Objekte zur Befriedigung männlicher Bedürfnisse. Die ständige Sexualisierung von Frauen in den Medien und im Alltag hilft da garantiert nicht. Dieses autoritäre Denken führt offensichtlich nicht zur zu Vergewaltigungen, sondern auch zu der momentan eskalierenden Anzahl an Toden durch Schusswaffen in den USA, sowie zu Völkermorden.

Und genau deswegen brauchen wir auch heute noch Feminismus.