Übergriffe in Köln – ein Startschuss?

Oberbürgermeisterin Frau Reker schlägt eine Armlänge Abstand vor, das Internet lässt daraufhin einen Shitstorm los, diskutiert dann aber doch, ob diese Aussage nicht völlig aus dem Kontext gegriffen wurde. Währenddessen frage ich mich, ob die Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof nun das “Ende der Zivilisiertheit” bedeuten oder ob endlich der Startschuss für den Feminismus in Deutschland gefallen ist.

Ich sitze im Fernbus von Mainz nach München. Ich bin todmüde und schlecht drauf, weil ich nach einer Woche Freunde besuchen und Silvester feiern wieder nach Hause fahre. Die Aussichten sind nicht besonders rosig: 6,5 Stunden eingepfercht zwischen Nebel und Regen hinter der kalten Fensterscheibe und Frau mit überdimensionalen Kissen, die ihren blöden, leeren Kaffeebecher im Netz vor meinem Sitz hat stecken lassen. Wir schaukeln der Dämmerung entgegen, mit halbem Ohr höre ich dem Radio zu, bekomme irgendwas von “Köln”, “sexuellen Übergriffen” und “Vergewaltigung” mit. Heilige Scheiße. Im Laufe der nächsten Stunden und Tage erscheinen unzählige Artikel diverser Zeitungen und Blogs auf Facebook, meist mit einem Titel nach dem Motto “So ganz genau wissen wir noch nicht, was in Köln vorgefallen ist, aber wir schreiben mal trotzdem darüber”. Manche Posts sprechen auch von Vorfällen in Hamburg und Stuttgart. Ganz vorsichtig wird erwähnt, dass die Übergreifer möglicherweise nordafrikanischer oder arabischer Herkunft sind, woraufhin sich in den Kommentaren Leute tummeln, die das “Ende der Zivilisiertheit” in Deutschland prophezeien. Schuld daran seien natürlich Flüchtlinge, die “ihre rape culture” in unser hochzivilisiertes, westliches, perfektes Land einschleppen.

Auf die Idee, dass rape culture vielleicht kein ausschließlich ausländisches Phänomen ist, scheint bis jetzt anscheinend noch keiner gekommen zu sein. Vor allem die Männer, die sich über die Übergriffe empören und im gleichen Atemzug dafür plädieren, “die Fluchtis in ein Lager zu sperren”, um zu verhindern, dass in Deutschland ein “arabisches Frauenbild ausgelebt wird”, hätten sich garantiert nicht zu Wort gemeldet, wenn die Täter Deutsche gewesen wären. Überhaupt gäbe es keinen solchen Medienaufstand, wenn nur wenige Frauen inmitten des Silvestergewühls ein Problem bekommen hätten. So ein paar Missbräuche und Vergewaltigungen zwischen Böllern, Raketen und ungesunden Alkoholpegeln sind ja normal.

Aber selbst manche Frauen versetzen mich mit ihren Aussagen über die Übergriffe in Erstaunen. Eine Journalistin vom deutschen Zweig der Huffington Post stellt fest, dass sie sich “auch ohne kriminelle nordafrikanische Asylbewerber als Frau nachts nicht alleine an einem Bahnhof herumtreiben” würde. Und damit sieht sie kein Problem? Wie zum Teufel kann man behaupten, in Deutschland seien Frauen und Männer ganz vorbildlich gleichstellt, wenn sich Frauen offensichtlich nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit frei in der Öffentlichkeit bewegen können, ohne Angst haben zu müssen?

Hier kommt dann auch Frau Reker und die Armlänge Abstand ins Spiel. Völlig egal, ob die Aussage aus dem Kontext gerissen wurde und die Oberbürgermeisterin nur auf bestehende Hinweise der Polizei verwiesen hat, das Problem ist immer noch dasselbe: Frauen sollen ihre eigenen Verhaltensweisen dem Verhalten der Täter anzupassen. Wir sollen keine hohen Schuhe anziehen, um im Notfall schneller fliehen zu können, keine kurzen Röcke, um die Phantasien irgendwelcher Männer erst gar nicht anzuregen, wir sollen nur in Gruppen auf die Straße gehen, auf unseren Alkoholkonsum achten, und, wenn es nach den Kölner Verhaltensrichtlinien geht, nun auch eine Armlänge Abstand zu Fremden halten. Und das nennt sich dann “gesunder Menschenverstand”. Für mich klingt das nicht nach gut gemeinten Ratschlägen, sondern nach einer massiven Einschränkung meiner persönlichen Freiheit und ganz klar nach Beschuldigung der Opfer. Natürlich sind die Täter Schweine etc., aber hätten die Frauen sich mal besser geschützt! Bekäme ein Fuzzi von der  US-amerikanischen Waffenlobby diese Geschichten zu Gehör, würde der garantiert noch hinzufügen, dass das alles nicht passiert wäre, wenn die Frauen bloß bewaffnet gewesen wären.

Einen Augenblick lang dachte ich, dass die Übergriffe vielleicht ein Startschuss für den Feminismus in Deutschland sein könnten. Dass endlich mal ein paar Leute aufwachen und merken, dass Frauen verdammt nochmal immer noch nicht gleichgestellt sind, dass mit unserer Gesellschaft irgendetwas richtig verkorkst sein muss, wenn Frauen nicht auf die Straße gehen können, ohne Angst haben zu müssen. Dass irgendwas nicht stimmen kann, wenn Frauen mit Ratschlägen bezüglich ihres Verhaltens konfrontiert werden, über die sich ein Mann nie in seinem Leben Gedanken machen muss. Aber offensichtlich werden diese schrecklichen Vorfälle mal wieder nur dazu genutzt, um Hass gegen Einwanderer zu schüren. Stattdessen sollte man Deutschland selbst – und wenn man schon dabei ist, auch der ganzen Welt – mal einen Spiegel vorhalten und sich fragen, wie im Jahr 2016 so etwas überhaupt noch passieren kann.

 

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WTF, Society?! – Vergewaltigungen und Feminismus

Die Zeit hat neulich ein verdammt gutes Interview mit Rebecca Solnit, der Autorin des Buches Wenn Männer mir die Welt erklären veröffentlicht. Verdammt gut in dem Sinne, dass Ms. Solnit die pauschalisierenden Fragen und teilweise haarsträubenden Ansichten der Leiterin des Interviews, Elisabeth Raether, auf bewundernswerte Weise zerschlagen hat. Ebenso dämlich wie die Fragen war die überhaupt nicht treffende Überschrift des Artikels: “In Amerika geht es brutal zu”. Super. Wieder ein Grund, die USA als rückständiges Land zu bezeichnen, während die Fortschrittlichkeit Deutschlands in den Himmel gelobt wird. Mal abgesehen davon geht es hier nicht um Brutalität in Amerika im Allgemeinen, wie die leicht aus dem Kontext gegriffene Überschrift vorschlägt, sondern um Feminismus, Patriarchat und Gewalt als Resultat der Überlegenheit des heiligen männlichen Geschlechts. Eine weitere völlige Missinterpretation von Frau Raether war die Verurteilung der mangelnden Fähigkeit Solnits in dem persönlichen Interview ihre Thesen klar zu formulieren. Schonmal was von Introversion gehört, Frau Raether? Die Bevorzugung der schriftlichen Kommunikation findet sich sehr häufig bei Introvertierten, die übrigens oft herausragende Schriftsteller sind. Hätten Sie einen Mann genauso beschuldigt, sich in direkter verbaler Kommunikation nicht vernünftig ausdrücken zu können? Ach nein, Moment, das nennt man ja dann die “Schüchternheit eines zurückgezogenen, genialen Künstlers”.

Das thematisch hochinteressante, aber grauenhaft geführte Interview ließ mich darüber nachdenken, ob es zwischen dem Feminismus in den USA und in Deutschland einen Unterschied gibt. Gibt es in Deutschland überhaupt noch so etwas wie Feminismus? Meistens läuft einem der Begriff doch nur in schlecht formulierten Facebook-Kommentaren von irgendwelchen Männern über den Weg. “Och nee, schon wieder sind da ein paar dumme, radikale Feministen unterwegs.” Als meine Mitbewohnerin mich fragte, ob ich mich als Feministin bezeichnen würde und mir dann offenbarte, dass ihr Freund ja ganz schlecht auf solche Leute zu sprechen sei, fühlte ich mich dazu genötigt, zu einem Vortrag über die Notwenigkeit von Feminismus auch heute noch und der teilweise krassen Unterschiede zwischen verschiedenen feministischen Strömungen anzusetzen. Einen Vortrag, den ich nach wenigen Sätzen entnervt abbrach. Erstens, Introversion. Schlechte Fähigkeiten bei direkter verbaler Kommunikation. Soll’s ja geben, Frau Raether. Zweitens, Komplexität des Themas. Vielleicht sollte ich mal ein Essay dazu verfassen und an alle Leute aushändigen, die mir mit ignoranten und schlecht durchdachten Kommentaren zum Thema Feminismus kommen.

Persönlich scheint es mir, als würde sich in den USA viel deutlicher eine feministische Bewegung abzeichnen als in Deutschland. Wessen Facebook News Feed von Blogseiten wie Huffington Post, der absolut genialen Plattform “Amy’s Smart Girls”, von Komikerin und Schauspielerin Amy Poehler ins Leben gerufen, oder (der nicht so genialen Plattform) Buzzfeed überschwemmt wird, merkt schnell, dass nicht nur ziemlich heftig ein demokratischer (im Sinne der Partei der “Democrats”, nicht des politischen Systems) oder “linker” Standpunkt vertreten wird, sondern auch feministische Stimmen häufig zu Wort kommen – endlich! Abgesehen von den Momenten, in denen mir Buzzfeed erzählt, sie könnten aufgrund meiner Beziehung zu Pizza feststellen, auf welchen Typ Mann ich stehe. Wenn Google heutzutage meinen Standpunkt bestimmen kann und mich darauf basierend auf Restaurants in der Nähe aufmerksam macht, dann sollte Buzzfeed doch bitte in der Lage sein, aufgrund meiner Facebook-Likes und Internetrecherchen festzustellen, dass Männer mich in dieser implizierten spezifischen Art und Weise einen – pardon – Dreck interessieren! Ich schweife ab. Wir waren beim Feminismus in den USA. Mein Punkt ist, ich bin in den deutschen Sphären des Internets bisher nicht über solche oder ähnliche Veröffentlichungsplattformen gestoßen. Gibt Deutschland sich einfach damit zufrieden, sich mit einer weibliche Kanzlerin brüsten zu können (während Hillary Clinton im Jahr 2015 dafür kämpft, die erste Präsidentin der USA zu sein) und kurzzeitig mal über die Frauenquote diskutiert zu haben? Feminismus und Gleichstellung sollten ernsthaft Einzug in den alltäglichen Diskurs halten, und zwar nicht nur dann wenn sich ein paar dumme, radikale Feministen sporadisch über die gläserne Decke oder Gehaltsunterschiede aufregen.

Ein Hauptthema des Interviews und auch des Buches von Ms. Solnit sind Vergewaltigungen. Während Elisabeth Raether immer wieder darauf pocht, dass Frauen angeblich Vergewaltigungsfälle erfinden und den Männern anhängen, macht Rebecca Solnit deutlich, wie die Gesellschaft (also eigentlich das Patriarchat) Frauen zum Schweigen bringen will, indem sie als nicht zurechnungsfähig dargestellt werden. Frau Raether spricht auch “rape culture” an, ihrer Meinung nach ein Begriff dafür, dass Vergewaltigungen junger Frauen an amerikanischen Universitäten zu oft vorkommen. Glaubt die gute Frau im Ernst, dass rape culture nur ein Phänomen in der von der Außenwelt abgeschotteten universitären Seifenblase darstellt?! Vergewaltigungen betreffen ALLE Frauen. Auch diejenigen von uns, die das Glück haben nicht – oder noch nicht (Schauder) – direkt und physisch von diesem gesellschaftlichen Problem heimgesucht worden zu sein. Ich kann und will mir im Detail auch nicht vorstellen, wie eine Vergewaltigung das Leben einer Frau beeinflusst. Nicht nur muss sie mit einer eventuellen Schwangerschaft und am Ende vielleicht noch einer Abtreibung zurecht kommen, sondern auch den Rest ihres Lebens mit den psychischen Folgen leben und obendrein wird sie von der Gesellschaft als Opfer und manchmal sogar als “selber schuld” stigmatisiert! Währenddessen kommt das Arschloch, das ihr das angetan hat, im schlimmsten Fall mit einer Freiheitsstrafe von nur ein paar wenigen Monaten oder im besten Fall mit ein paar Jahren Knast davon!

In der siebten Klasse feierte eine Freundin von mir ihren Geburtstag mit einer Zeltparty in ihrem Garten. Nachts lagen wir zu fünft nebeneinander unter dem dünnen Stoffdach und eine sagte plötzlich in die Stille hinein: “Ich hab so Angst davor, vergewaltigt zu werden.” Wir waren 13 Jahre alt, verdammt nochmal! Warum muss sich ein Mädchen in dieser doch so fortschrittlichen, westlichen Gesellschaft mit 13 Jahren ernsthafte Gedanken darüber machen, dass sie Opfer eines so furchteinflößenden Gewaltverbrechens werden könnte? In Deutschland werden pro Jahr durchschnittlich 7.700 Frauen vergewaltigt, anders ausgedrückt ist das eine Vergewaltigung alle 68 Minuten (Quelle). Die USA haben offensichtlich ein Problem mit der Ermittlung dieser Werte. Der U.S. Census Bureau zählte im Jahr 2010 188.000 Opfer, das Center for Disease Control and Prevention 1,3 Millionen, der FBI berichtete von ca. 85.000 Fällen (Quelle). Wie hoch die Zahl auch sein mag, erstens reflektiert sie nicht wie viele Vergewaltigungen nicht zur Anzeige gebracht werden und zweitens: DAS SIND SCHLICHT UND EINFACH ZU VIELE!

Der Grund für Vergewaltigungen? Laut Rebecca Solnit das autoritäre – oder nennen wir es ruhig überhebliche – Denken einer Gruppe, mehr Rechte zu besitzen als Andere, und somit ein Recht ÜBER Andere zu besitzen. Im konkreten Fall also die Überzeugung, Frauen wären minderwertig und frei verfügbare Objekte zur Befriedigung männlicher Bedürfnisse. Die ständige Sexualisierung von Frauen in den Medien und im Alltag hilft da garantiert nicht. Dieses autoritäre Denken führt offensichtlich nicht zur zu Vergewaltigungen, sondern auch zu der momentan eskalierenden Anzahl an Toden durch Schusswaffen in den USA, sowie zu Völkermorden.

Und genau deswegen brauchen wir auch heute noch Feminismus.

Gegenmeinung zur Meinung

“Filipp Piatov (24) wurde in Sankt Petersburg geboren und kam mit seinen Eltern als Kind nach Deutschland. Er studiert Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt am Main und arbeitet in Berlin. Im Dezember 2015 erscheint sein erstes Russlandbuch bei dtv” (Quelle)

Anscheinend hatte der gute Herr neben dem anspruchsvollen Studium der Wirtschaftswissenschaften, dem Pendeln zwischen zwei deutschen Metropolen und dem Schreiben seines eigenen Buches nebenbei noch Zeit mal eben einen Artikel in der Welt zu veröffentlichen, bei dem mal wieder die alte Debatte über die Studiums- und Berufswahl im Allgemeinen und dem Nutzen von geisteswissenschaftlichen Fächern im Besonderen angeschnitten wird. Die Thesen Piatovs sind klar: Wer Geisteswissenschaften studiert und hinterher keinen Job bekommt, ist selber schuld. Schließlich hatten wir alle bei der Studienwahl die Gelegenheit, uns den Bedürfnissen des Markts und der Wirtschaft anzupassen und eben was “Vernünftiges” zu studieren. Die Trottel, die sich trotzdem für ein geisteswissenschaftliches Studium entscheiden, haben laut Autor vor allem das Bedürfnis, sich selbst zu verwirklichen und sich bloß nicht dem Mainstream anzupassen, außerdem behaupten sie ganz “pseudoideologisch” von sich, nicht viel Geld zu brauchen, um glücklich zu sein, und obendrauf bringen sie Jura- und BWL-Studenten angeblich nur Vorurteile und Arroganz entgegen. (Diese Sichtweise ist natürlich völlig objektiv, repräsentativ und frei von Vorurteilen.) Am Ende seiner Ausführungen beschließt Piatov, dass nur “ganz bodenständig die Finanzen wählen” anstatt sich “romantischen lllusionen hinzugeben” zu einem erfolgreichen Leben im harmonischen Einklang mit der hochgelobten deutschen Wirtschaft führt.

Nach dem Lesen dieses hochintellektuellen Artikels ziehen jetzt verständlicherweise sämtliche Historiker, Germanisten, Amerikanisten und Anglisten, Komparatisten, Ethnologen und Theaterwissenschaftler in Erwägung “das sinkende Geistesschiff zu verlassen”, wie ein Kommilitone es so treffend ausgedrückt hat, alles hinzuschmeißen und sich sofort bei einem Studiengang einzuschreiben, der auch ganz sicher der Wirtschaft Deutschlands dient. Schließlich winken beruflicher Erfolg und vielleicht sogar eine eigene Publikation beim dtv (und mit 24 nicht vielleicht auch ein bisschen Burn Out?), wenn man sich widerstandslos der Wirtschaft verkauft und ganz mainstream alle seine Fähigkeiten zum Vorteil des Marktes ausrichtet. Pfeifen wir also auf Selbstbestimmung, Selbstfindung und Selbstverwirklichung! Solche romantischen Illusionen sind schließlich nur narzisstische und wirtschaftsschädigende Pseudoideologie, Geld ist jetzt der Schlüssel zu einem erfüllten und glücklichem Leben (ach nee, Moment, das ist ja auch eine romantische Illusion), Generation Praktikum schließt sich der Generation der sicherheitsliebenden Spießer an!

Mal Ironie beiseite. Unsere gesamte Gesellschaft ist heutzutage nur auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtet. Das Bildungssystem soll gefälligst möglichst schnell Arbeitskräfte auf den Markt spucken, die dafür sorgen, dass Deutschland wirtschaftlich gut dasteht und die Rente der älteren Generation finanziert wird. Für Herrn Piatov würde das jetzt natürlich viel zu idealistisch klingen, aber sollte Bildung nicht stattdessen eigenständige Denker hervorbringen? Individuen, die ihrer Umwelt kritisch gegenüber stehen und sich nicht gehorsam in den wirtschaftlichen Trott der Gesellschaft einreihen lassen? Gerade das lehren doch die Geisteswissenschaften! Weltbilder werden aufgezeigt und hinterfragt, Weiterdenken ist angebracht, auch mal über den Tellerrand hinaus. Unsere Gesellschaft und die Wirtschaftlichkeit sind nichts als eine Ideologie, ein Weltbild, ein menschliches Konstrukt. Wer sagt denn, dass unser gesamtes Leben ausschließlich der Wirtschaft dienen soll? Studium, das heißt Bildung, sollte den Einzelnen persönlich bereichern – und das nicht unbedingt nur auf eine materialistische Art und Weise. Nicht jeder braucht finanzielle Sicherheit, um glücklich zu sein. Glück überhaupt an Geld oder Wirtschaftlichkeit zu messen ist eigentlich total daneben und zeigt, wie sehr diese Gesellschaft manche Individuen indoktriniert hat.

Der einzige vernünftige Punkt, den der Autor macht, ist der, dass beruflicher Erfolg mit einem geisteswissenschaftlichen Studium auch von der Mentalität des Einzelnen abhängt. Die “brotlosen” Fächer schreiben schließlich keinen klaren Berufsweg vor, aber genau das ist doch eigentlich das Schöne dran! Man hat so viel Freiheit genau das zu machen, was zu einem passt und mit dem man sich wohl fühlt, man muss diese Nische nur erstmal finden! Und es soll ja sogar Leute geben, die noch daran glauben, dass man alles Mögliche (und Unmögliche) machen kann, wenn man fest daran glaubt und hart genug dafür arbeitet. Aber das sind ja alles nur romantische Illusionen.

Unmögliches Denken

Ich bin so. müde. Montag war ich von 12 bis 8 in der Uni, gestern von halb 9 bis 8 zwischen Seminar, Bibliothek und außerhalb unterwegs, heute von 10 bis 5 durchgehend Uni. Die meisten Leute sagen jetzt wahrscheinlich, dass ich bloß die Klappe halten soll, weil ihr Stundenplan solche Zeiten bei weitem toppt und ich ja nur Geisteswissenschaften studiere, nichts Ernsthaftes wie Medizin oder Jura, nichts was die Welt braucht, der Aufwand meines Studienganges kann sich gar nicht an dem Aufwand anderer nicht-brotlosen Künste messen. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, schön für euch, trotzdem sind nach dieser noch nicht mal komplett vergangenen Woche meine introvertierten Batterien auf null, wenn nicht sogar im Minus. Das Dumme daran ist, dass ich beim Betrachten der nächsten aber auch der nicht so nächsten Zukunft wenig Hoffnung hab, dass sich daran bald was ändert. Und wer ist Schuld dran? Ich schieb’s mal wieder auf die Gesellschaft im Allgemeinen und das Universitätsumfeld im Besonderen.

Fangen wir mal mit einem aktuellen Beispiel an: Mein dreistündiges Geschichtsseminar über den Ersten Weltkrieg, für dessen Bestehen eine Klausur, ein Referat und eine Hausarbeit verlangt wird und das dafür verantwortlich ist, dass der Arbeitsaufwand für mein Nebenfach den für mein Hauptfach übersteigt. Ich latsche relativ motiviert, aber auch von leichter Panik befallen (Referat für nächste Stunde geht auf mich) in den Kursraum, um nach einiger Zeit festzustellen, dass ich mit meinem schulischen “Vorwissen” und mangelnder Zeit mir freiwillig irgendwas anzulesen in diesem Kurs völlig fehl am Platz bin. Ja, ich kann Ihnen erzählen, was das Attentat von Sarajevo war, der Blankoscheck, die Triple Entente, der Schlieffen-Plan, Kriegsschuldfrage, Fischer-Kontroverse, Versailler Vertrag, Artikel 231 und hoffentlich noch ein bisschen mehr. Nein, ich hab mir in der letzten Woche leider nicht zu Gemüte führen können, wie Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Ferdinand bei Kriegsbeginn so drauf waren, ich habe Christopher Clarks Buch nicht inhaliert, das genaue Datum des Kriegsbeginns wurde noch nicht in meinen Gehirnbahnen verankert (28. Juni übrigens) und mit den Balkan-Kriegen kenne ich mich auch nicht aus. Bin ich jetzt für das (Lese-)Studium der Geschichtswissenschaft ungeeignet? Bin ich zu unmotiviert? Ist es mir einfach egal? Nein, verdammt, ich finde einfach keine Zeit und habe (vielleicht, eventuell, vielleicht auch nicht) ein Leben.

Ein Leben. Das Leben. Was ist das überhaupt? Im Moment besteht mein Leben aus Studium und dem Versuch, mich selbst davor zu bewahren aus körperlichen und geistigen Gründen abzukratzen. Und ich möchte mal einen Studenten sehen, der jedes Seminar und jede Vorlesung gründlichst vor- und nachbereitet, über alles top informiert ist, ständig 1,0er fabriziert und trotzdem solche banalen Dinge wie essen (kochen?!), schlafen oder Wäsche waschen noch auf die Reihe kriegt. Nebenbei soll man ja auch noch soziale Kontakte und Hobbies und anderweitige Interessen haben, am besten auch eine Beziehung, einen guten Draht zur Familie und als Student am Ende noch ein Nacht-/Partyleben. Wenn’s nach den Stipendiengebern geht, sollte man zudem auch unbedingt eine ganze Latte Praktika und ehrenamtliche Tätigkeiten nachweisen können. Den perfekten Lebenslauf eben.

Was uns gleich zum nächsten Thema bringt. Lebenslauf. Wie’s aussieht überschlägt sich die Y-Generation ja geradezu, um den perfekten Lebenslauf vorweisen zu können. Praktika hier, Ehrenamt da, beste Noten im Abi und im Studium, sinnvolle Nebenjobs (einfach Kellnern weist ja nicht auf das große ganze Ziel am Ende hin, dass wir natürlich alle haben), interessante Hobbies… Und wozu? Um irgendeinem verdammten Arbeitgeber von irgendeiner verdammten Firma die eigene Seele zu verkaufen, indem man ihn davon überzeugt, dass man es wert ist in die Maschinerie der Gesellschaft aufgenommen zu werden, seine Gehirnströme für die Firma hinzugeben und im Gegenzug Sicherung der eigenen Existenz zu bekommen. Dann arbeiten wir den Rest unseres Lebens, damit wir essen und uns, wenn’s gut läuft, Reichtum anhäufen können, solange bis wir endlich sterben. Und das werden wir alle irgendwann. Das soll’s dann gewesen sein? Erst strenge ich mich an, dass mich irgendwer anstellt. Dann arbeite ich bis meine Vergänglichkeit zu Staub geworden ist (und ja, mit Generationenvertrag und alternder Bevölkerung ist das nicht mal allzu überspitzt) – und das war’s dann? Was bringt mir das denn? Kommt das noch irgendwem irgendwie blöd vor? Mal abgesehen davon, dass es bei so einem “perfekten” Lebensstil ein Wunder ist, mit 20 nicht wegen Burnout in der Klapse zu landen!

Ich hab absolut keine Ahnung, wie andere Menschen diesen Druck aushalten. Oder bilde ich mir den Druck ein? Druck, was besonderes, was sinnvolles zu machen, sich selbst zu verwirklichen, ein erfülltes Leben zu haben, Arbeit, Mann (haha), Kind (nochmal haha), Einfamilienhaus am Stadtrand zu haben, ständig irgendwelche beschissenst bezahlten Praktika zu machen, sich den perfekten Lebenslauf zu bauen – wofür? IRGENDWANN KRATZEN WIR ALLE AB!!! Sollten wir nicht einfach das machen, was uns wirklich Spaß macht? Unser Leben so leben wie unser Bauchgefühl uns das sagt und nicht wie die gesellschaftlichen Normen es diktieren? Klar, wenn’s einem Spaß macht im Büro zu arbeiten, mit Ehepartner und Kind aufs Land zu ziehen und jeden Urlaub in Italien zu verbringen – dann macht das halt so! Aber es muss doch auch noch irgendwas anderes geben für diejenigen, die die verdammten Konventionen und Normen und Erwartungen satt haben und einfach nur ihr Leben leben wollen. Wann kriegen wir’s endlich hin, die gesellschaftlichen Scheuklappen abzunehmen und uns selbst zu erfinden – und dabei nicht nur aus dem zu schöpfen, was uns von der Welt auf dem Silbertablett präsentiert wird, sondern weiter zu denken, das “Unmögliche” zu denken, einfach unmöglich zu denken.

Über Schmerzen und Frauen und Burger King

Da ich schon wieder viel zu schnell an den paar Tagen im Monat angelangt bin, an denen ich Schmerzmittel pumpen muss, um vor die Haustür treten zu können, den Tag zusammengerollt und verkrampft auf der Couch verbringe und gekrümmt und stöhn-schnaufend wie eine 100-jährige durch die Gegend schleiche (eigentlich ist das waaay TMI, aber ich brauch irgendeine Einleitung), dachte ich, ich könnte mich ja mal öffentlich darüber beschweren. Über Menstruation und Frauen und Gesellschaft. Männer: You may exit now. Wobei, bleibt mal da, ist gar nicht so schlecht, wenn ihr euch das auch mal anhört.

1. Warum

Warum zum Teufel müssen wir Frauen eigentlich die ganze Schwerstarbeit machen? Nicht nur sind wir dazu verdammt jeden Monat endlose und richtig scheiß schmerzhafte Bauchkrämpfe über uns ergehen zu lassen, Geburten sollen wir auch noch übernehmen. Weil es ja noch nicht genug Menschen auf diesem Planeten gibt. Die Antwort ist eigentlich ziemlich simpel: Männer würden derartige Schmerzen niemals aushalten. Sie würden elendig krepieren. Verrecken. Schon am ersten Tag. Insofern sollten wir eigentlich stolz drauf sein, dass wir tough genug sind um Schmerzen zu überleben, die sich “das starke Geschlecht” gar nicht vorstellen kann. ABER: Warum muss ich das alles machen, wenn ich gar keine Kinder haben will??

2. Oh mein Gott, du willst keine Kinder?!

Nein. Ich hab keine Lust darauf, irgendwelche Spermien in meinem Inneren herumschwimmen zu lassen, bis sie sich mit einer Eizelle verbinden und mich neun Monate lang in den Zustand eines sauregurkenessenden, kotzenden Elefanten versetzen. Ich brauch auch keine Ärzte (auf die bin ich eh schlecht zu sprechen), die ständig zwischen meinen Beinen herumwühlen, und auch keine Wehen, die nach Stunden voller Schmerzen eine schleimige, schreiende Eidechse aus mir herauskriechen lassen. Und dann fängt der Spaß ja erst an. Tut mir Leid (nee, eigentlich nicht), aber die sowieso schon ungesunden Zahlen der Weltbevölkerung werden ohne mich aufrecht erhalten werden müssen. Ich mag einfach keine Kinder. Und sie mögen mich auch nicht besonders, also eigentlich ja eine Win/Win-Situation. “Ach, du bist noch so jung, wenn dir erstmal der richtige Mann über den Weg läuft…” Ich lach mich tot. Gleich aus mehreren Gründen.

3. Frauen und Kinder und Karriere

Jetzt haben wir es also endlich nach ein paar tausend Jahren menschlicher Existenz geschafft, dass wir ohne die Erlaubnis von irgendwelchen Männern arbeiten und sogar wählen dürfen. Haben wir jetzt ein paradiesisches Leben? Weit gefehlt. Egal was wir mit unserem Leben anstellen, die Gesellschaft findet es doof. Verheiratete Mutter und Hausfrau? Oh mein Gott, wo warst du während der Emanzipation?! Mutter mit Karriere? Oh mein Gott, die armen Kinder! Verheiratet, keine Kinder? Oh mein Gott, wusste sie vor der Hochzeit schon, dass der Mann impotent ist? Lesbisch? Oh mein Gott, warum tust du das, du bist doch so hübsch! Das hat bestimmt was mit der Beziehung zu deiner Mutter zu tun!! Unverheiratet mit Karriere? Alleinerziehend? Lesbisch und verheiratet (in Deutschland sowieso nicht)? Lesbisch mit Kindern? Scheißegal, irgendeinen wird es immer geben, dem es nicht passt. Warum ist das bei Männern nicht so? Ein Papa, der zuhause bei seinen Kindern bleibt, ist ziemlich cool, Papa mit Karriere kein Problem (weil die Frau ja zuhause ist), unverheiratet, tja, er will halt seine Freiheit. Warum zum Teufel ist das im verdammten 21. Jahrhundert immer noch so unausgeglichen? Von Gehaltsunterschieden fang ich jetzt gar nicht erst an.

4. Frauen und Kleidung

Das selbe gilt übrigens auch für Kleidung. Egal was wir anziehen, wir sind entweder Schlampen oder unterdrückte Nonnen. Bluse bis oben zugeknöpft? Mensch, Mädchen, zeig doch ein bisschen mehr Haut! Wo bleibt deine Weiblichkeit? Mit Hotpants und Bikini-Oberteil in der Öffentlichkeit? Zieh dir endlich was an, du lädst die Männer ja geradezu ein, dich zu vergewaltigen! (Wo wir gerade dabei sind: F*** Rape Culture! Ich zensiere das nur wegen dem Seelenheil meiner Eltern und wegen Minderjährigen, die das hier lesen. Obwohl die das F-Wort sowieso ständig um sich schmeißen.) Mal abgesehen davon, dass man uns vorschreiben will, was wir anzuziehen haben, werden wir auch noch auf unser äußerliches Auftreten reduziert. Aktuelles Beispiel: Oscars. “Und, wen trägst du heute?”

5. Burger King

Trotz aller Kampagnen und Aufrufe und öffentlicher Stellungnahmen etc. etc. werden wir Frauen in der Öffentlichkeit immer noch viel zu häufig sexualisiert. Bestes Beispiel diese Burger King Werbung:

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Die Frau sieht aus wie ein Fisch und was mit “Seven Incher” und “blow your mind” gemeint ist, wissen wir auch alle. Muss das sein? Ist klar, dass die männliche, fleischfressende Bevölkerung das ziemlich lustig findet und anscheinend ist BK auch so reich, dass sie es sich leisten können, nur hirnlose Patriarchen mit ihrer Werbung anzusprechen. Ehrlich, wenn man in der westlichen Welt kein weißer, heterosexueller Mann ist, hat man’s verdammt schwer. Warum eigentlich? Sind die nicht in der Minderheit?

Jetzt hab ich bei Regelschmerzen angefangen und bin bei Burger King rausgekommen. Ja, dieser Beitrag ist nicht besonders wissenschaftlich (den Anspruch hatte ich aber auch eigentlich gar nicht), bisschen durcheinander gewürfelt und ich weiß nicht, worauf ich genau hinauswollte, ABER ich weiß, dass mich alles oben genannte offensichtlich ziemlich aufregt und dem wollte ich mal Luft machen. Mir fällt leider auch keine Patentlösung für die Probleme unserer verkorksten Gesellschaft ein, aber wenn sich noch ein paar mehr Leute aufregen, dann ändert sich ja vielleicht doch irgendwann was. In diesem Sinne geh ich jetzt nochmal ein paar Schmerztabletten einwerfen.